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Zwischen Fels und Forschung: Geochronologie an der Blätterhöhle

August 2025, Lüdenscheid, strahlender Sonnenschein – perfekte Bedingungen für einen Ausflug, der alles andere als gewöhnlich werden sollte. Zusammen mit Mirijam Zickel (PhD) und Dr. Janina J. Nett war ich als Teil der AG Geomorphologie und Geochronologie der Universität zu Köln unterwegs ins Sauerland. Ziel: die Blätterhöhle – ein unscheinbarer Felsspalt mit einer gewaltigen Geschichte. Unsere Exkursion war Teil des Projekts „Chronology and chorology of Final Palaeolithic and Mesolithic hunter-gatherers at Blätterhöhle, North Rhine-Westphalia“, das sich mit der zeitlichen und räumlichen Verortung der letzten Jäger- und Sammlergruppen Mitteleuropas beschäftigt.

Ein Schlüsselort der Urgeschichte

Die Blätterhöhle liegt im nordöstlichen Teil des Rheinischen Massifs, eingebettet in Dolomit und Kalkstein, durchzogen von Höhlen und Spalten. Entdeckt wurde der kleine Eingang 1983, weiter erkundet erst seit 2004 und systematisch erforscht wird er seit 2006, nachdem ein großer Versturzblock entfernt worden war. Darunter, in den Sedimenten vor dem Höhleneingang, schlummern archäologische Schichten vom späten Jungpaläolithikum über verschiedene Phasen des Mesolithikums – und das in einer einzigartigen stratigraphischen Abfolge. In der Höhle selbst fand man darüber hinaus einen neolithischen Horizont.

Ausgrabung vor dem Eingang der Blätterhöhle mit AG-Team Mirijam Zickel und Dr. Janina Nett
anstehender Fels über der Blätterhöhle
Grabungsprofil vor dem Eingang der Blätterhöhle

Für Archäologie und Geo­wissenschaften ist der Ort eine wahre Schatzgrube: Hinweise auf Feuerstellen, Steinwerkzeuge, Tierknochen, ja sogar menschliche Überreste wurden hier gefunden – darunter die ersten systematisch ausgegrabenen pleistozänen Menschenreste aus ungestörtem Kontext in NRW und den angrenzenden Bundesländern. Die Lage ist besonders spannend: Die Höhle befindet sich an einer ökologischen Schnittstelle zwischen Mittelgebirge und norddeutscher Tiefebene, und auch kulturell scheinen hier mehrere prähistorische Kulturgruppen aufeinander zu treffen.

Warum wir von der Geomorphologie & Geochronologie dabei sind?

Unsere Arbeitsgruppe ist nicht nur Zaungast: Wir untersuchen die Sedimente geochronologisch – konkret mit OSL-Datierungen (optisch stimulierte Lumineszenz) und ergänzenden Messmethoden. Ziel ist es, die zeitliche Abfolge der Sedimente möglichst genau zu bestimmen und offene Fragen zu klären, etwa die genaue Datierung der Fundschichten 6b (Frühmesolithikum) und 6c (Endpaläolithikum). Besonders wichtig ist dies auch, weil die Sedimentabfolgen im Eingangsbereich der Höhle vermutlich durch Dachsbaugänge stark durchmischt wurden. In diesen gestörten Lagen fanden sich zahlreiche frühmesolithische und spätneolithische Menschenreste sowie weitere Funde wie Steinwerkzeuge (Orschiedt et al. 2012; 2018). Unsere Arbeit soll helfen, diese stratigraphischen Unklarheiten zu beseitigen.

Ein wichtiger Teil der Arbeit sind in-situ-Messungen der natürlichen Radioaktivität  im Sediment, da diese Werte entscheidend für die Altersberechnung bei OSL sind. Hier kommen Berilliumoxid(BeO)-Dosimeter ins Spiel, die unser Team vor mehreren Monaten im Profil platziert haben. Diese messen über Monate hinweg die Strahlenbelastung direkt im Boden. Parallel nehmen wir Sedimentproben, um mit Gammaspektrometrie die Radioaktivität im Labor zu bestimmen und beide Methoden miteinander zu vergleichen.

Die Exkursion: Sonne, Sediment – und ein Überraschungsfund

Vor Ort trafen wir zuerst auf das Archäologie-Team um Wolfgang Heuschen – plus eine ganze Reihe fleißiger Studierender, die an der Ausgrabung arbeiteten. Während die Archäolog*innen Zentimeter für Zentimeter im Sediment nach Spuren aus der Steinzeit suchten, machten wir uns ans Werk:

  1. Dosimeter bergen – vorsichtig, denn sie sind klein, empfindlich und lagen teils tief im Profil.
  2. Sedimentproben entnehmen – immer genau dort, wo vorher ein Dosimeter war, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten.
  3. All das ganz genau Dokumentieren
BeO-Dosimeter im Grabungsprofil, markiert durch Nägel
Präzise Dokumentation der Dosimeter-Entnahme und Probenentnahme
Entnahme von Sedimentproben für Gammaspektrometrie

Die letzten Proben hatten es in sich: Während wir im Sediment arbeiteten, tauchte plötzlich ein Rippenknochen auf – ein Fund, der sofort für aufgeregtes Raunen sorgte. Für die Archäolog*innen ein spannendes Puzzlestück, für mich persönlich ein echtes Highlight: Mein erster Fund an meiner ersten Ausgrabungsstätte.

Fund eines Rippenknochen in der Blätterhöhle

Unter der Erde – die Höhle von innen

Nach getaner Arbeit stand noch ein besonderes „Extra“ auf dem Plan: eine Führung in die Höhle selbst, gemeinsam mit Wolfgang Heuschen. Der Eingang ist klein – sehr klein – und von einer handverlesenen Kolonie harmloser, aber beeindruckend großer Höhlenspinnen bewacht.

Dann hieß es: kriechen, robben, durch den schmalen Gang zwängen – nicht alle unseres Teams stellten sich diesem Nervenkitzel (Ja, ich gebe es zu – ich habe gekniffen...). Am Ende öffnete sich eine kleine Kammer, in der in den vergangenen Jahren spektakuläre Funde gemacht wurden. Hier, fern von Tageslicht und Zeit, wird die Geschichte der letzten Jäger und Sammler Mitteleuropas Stück für Stück ans Licht gebracht. „Dort unten fühlt es sich manchmal fast meditativ an – völlig fern von der Realität, abgetaucht in die Stille, absolute Dunkelheit und in eine andere Zeit versetzt.“, erzählten uns einige Archäologie-Studierenden, die häufig an der Grabung arbeiten und die Friedlichkeit im Inneren der Höhle scheinbar sehr genießen.

1 / 5
  • Höhleneingang
  • Blätterhöhle von Innen
  • Blätterhöhle von Innen
  • Blätterhöhle von Innen
  • Knochenfund in der Blätterhöhle

Fazit

Die Blätterhöhle ist kein Ort, den man einfach „besichtigt“. Sie ist eine lebendige Forschungsstätte, an der Archäologie und Geowissenschaft Hand in Hand arbeiten, um ein präziseres Bild der Menschheitsgeschichte zu zeichnen. Unser Exkursionstag war eine Mischung aus präziser Probenarbeit, spannenden Begegnungen – und einem Hauch Abenteuer unter der Erde.

Und ja – es gibt Orte, an denen selbst ein alter Rippenknochen den Tag perfekt macht.

 

 

 

 

von Luisa Loers