Bachlorarbeit von Yannik Pelchmann (2026)
Vom artenorientierten zum biotoporientierten Naturschutz: Ein Vergleich verschiedener Biotopbewertungssysteme
Zusammenfassung
Der anhaltende Flächenverbrauch, insbesondere im urbanen Raum, stellt den Naturschutz vor die Herausforderung, Eingriffe in Natur und Landschaft fachlich fundiert, nachvollziehbar und rechtssicher zu bewerten. Vor diesem Hintergrund haben sich numerische Biotopbewertungsverfahren als zentrales Instrument der naturschutzrechtlichen Eingriffsregelung etabliert. Diese Arbeit untersucht den Wandel vom artenorientierten hin zum biotop- und funktionsorientierten Naturschutz und analysiert, wie sich dieser Paradigmenwechsel in unterschiedlichen Biotopbewertungssystemen widerspiegelt.
Im Mittelpunkt steht ein vergleichender Ansatz zwischen dem Bewertungsverfahren nach Ludwig (1991) als frühem, landschaftsökologisch geprägtem Modell und dem aktuellen, standardisierten Biotopbewertungsverfahren des LANUK Nordrhein-Westfalen (2025). Aufbauend auf einer Analyse der rechtlichen und fachlichen Grundlagen werden die Bewertungslogik, die Berücksichtigung ökologischer Funktionen sowie die planerische Anwendbarkeit beider Verfahren systematisch gegenübergestellt. Ergänzend wird eine exemplarische Biotopkartierung im urban geprägten Untersuchungsgebiet Weiler (Stadt Köln) durchgeführt, um Unterschiede in der praktischen Anwendung und den Bewertungsergebnissen sichtbar zu machen.
Die Ergebnisse zeigen, dass beide Verfahren trotz ähnlicher Bewertungskriterien unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Während das Verfahren nach Ludwig eine tiefere ökologische Interpretation von Biotopen und ihren Entwicklungszusammenhängen ermöglicht, zeichnet sich das LANUK-Verfahren durch eine hohe Standardisierung, Transparenz und rechtliche Anschlussfähigkeit aus. Trotz unterschiedlicher Bewertungslogiken gelangen beide Verfahren zu vergleichbaren relativen Einstufungen der Biotopwertigkeit. Eine direkte numerische Umrechnung ist jedoch aufgrund konzeptioneller Unterschiede nicht möglich.
Die Arbeit verdeutlicht, dass Biotopbewertungsverfahren keine objektiven Messinstrumente darstellen, sondern methodisch konstruierte Werkzeuge mit jeweils spezifischen Stärken und Grenzen. Eine bewusste Reflexion ihrer Bewertungslogik ist daher Voraussetzung für eine sachgerechte Anwendung in der naturschutzfachlichen Planungspraxis, insbesondere im urbanen Raum. Ziel der Arbeit ist die Ableitung einer fachlich begründeten Handlungsempfehlung für die Anwendung von Biotopbewertungsverfahren in der Planungspraxis.